Nachwachsende Demokratie
„Demokratie darf nicht nur als Unterrichtsstoff daherkommen, sondern muss von Anfang an gelebte Praxis werden. Denn nur so können wir sicher stellen, dass demokratische Prozesse von jungen Menschen als selbstverständlich erlebt werden und Demokratie so von unten nachwächst“, sagt Ulrike Dockhorn, Vorstandsmitglied im Hamburger Landesverband von Mehr Demokratie e.V..
Insgesamt gab die nicht repräsentative Umfrage unter 150 Teilnehmer:innen aufschlussreiche Einblicke in die Wahrnehmung demokratischer Strukturen an Hamburger Schulen.
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Bild: Schüler:innen bewerten die demokratische Kultur an ihren Schulen im Durchschnitt mit knapp 5 von 10 Punkten. Die befragten Schüler:innen haben nicht das Gefühl, dass ihre Interessen ausreichend berücksichtigt werden und rund die Hälfte sagt, sie hätten keine echte Möglichkeit, sich an schulischen Entscheidungen zu beteiligen. Noch deutlicher fällt die Antwort auf die Frage aus, ob Schüler:innen das gleiche Entscheidungsrecht haben wie Lehrkräfte: 76 Prozent verneinen das.
Auch Eltern sehen sich an den Rändern der schulischen Mitbestimmung. Mehr als 50 Prozent der befragten Eltern gaben an, keine ausreichende Möglichkeit zu haben, sich an alltäglichen Bildungsentscheidungen für ihr Kind zu beteiligen. Fast die Hälfte der Eltern fühlen sich von der Elternvertretung an ihrer Schule nicht hinreichend vertreten und halten die bestehenden Angebote zur Demokratiebildung für nicht ausreichend. Die befragten Lehrkräfte bewerten den Aspekt ungenügender Demokratiebildung mit über 60 Prozent noch kritischer.
Gleichzeitig sind sich alle drei Gruppen in einem Punkt einig: Gelebte Demokratie in der Schule fördert das Demokratieverständnis in der Gesellschaft. Unter Lehrkräften stimmten dem 85 Prozent zu, unter Eltern sogar 86 Prozent.
„Das Bewusstsein ist da, was fehlt, sind die Strukturen, die es zum Leben erwecken“, sagt Dockhorn.
Besonders aufschlussreich sind die Freitextantworten der Umfrage. Schüler:innen berichten, kaum Mitsprache bei Schulregeln oder der Gestaltung ihres Schulalltags zu haben. Lehrkräfte schildern, wie demokratische Strukturen durch Schulleitungen untergraben werden, etwa, wenn Beschlüsse übergangen oder Gremien zur Farce werden. Eltern kritisieren, dass formale Mitbestimmungsrechte zwar auf dem Papier existieren, in der Praxis aber kaum greifen.
„Demokratie an Schulen darf kein Alibi sein", betont Dockhorn. „Echte Beteiligung bedeutet, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden."
Mehr Demokratie sieht in den Ergebnissen einen Auftrag an die Politik, endlich die Strukturen für echte Mitbestimmung in Schulen zu schaffen. Ein Vorhaben, dass sich Rot-Grün in dieser Legislatur übrigens erneut in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Bisher ohne gesetzgeberische Anstrengungen.
Die Umfrage ist auf der Website von Mehr Demokratie Hamburg weiterhin offen und wird zu einem späteren Zeitpunkt erneut ausgewertet.
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